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Studien zum Filesharing: Kreativität braucht kein Urheberrecht

Hilmar Schmundt, Wissenschaftsredakteur beim Spiegel, sprach für Spiegel Online mit Christian Handke, einem renommierten Forscher zum Thema Urheberrecht, der an der Erasmus-Universität in Rotterdam arbeitet. Filesharing: Kreativität braucht kein Copyright:

Handke sichtete Hunderte von Studien, Aufsätzen und Büchern von Juristen, Ökonomen, Soziologen aus aller Welt. Dabei erlebte er eine Überraschung: “Intuitiv denken viele Menschen, dass es ohne das heutige Urheberrecht keine Kreativität geben würde”, sagt er, “aber für diesen Zusammenhang gibt es keine Belege.”

Keine neue Erkenntnis, aber immer wieder erwähnenswert: Das Musikangebot etwa ist seit Napster weiter gestiegen.

Nein, das Musikangebot sei gewachsen, sagt Christian Handke, und zwar seit die Tauschbörse Napster 1998 das unautorisierte Herunterladen ermöglichte. Er öffnet auf seinem Rechner seinen Aufsatz von 2006, der auf der Website der seriösen Society for Economic Research on Copyright Issues erschienen ist: “Digital Copying and the Supply of Sound Recordings” (PDF-Datei). Zwischen 1984 bis 2006 stieg die Zahl der neuen Musikalben, die in Deutschland veröffentlicht wurden, ständig an, von einst 2000 pro Jahr auf dann 14.000 pro Jahr. Danach änderte der Bundesverband der Musikindustrie leider seine Messmethode, was die Forschung erschwert.

Das ist das Interessante bis bisweilen sehr Anstrengende an der Debatte: Es werden zum einen Prämissen angenommen, für die es keine Beweise gibt (Kreativität und Urheberrecht gehören zusammen) und Beweise für das Gegenteil (Es gibt keinen Rückgang in der Musik) werden sogar ignoriert. Deshalb werden seit Jahren Scheindebatten unter falschen Ausgangslagen geführt.

Der im Artikel angesprochene “sich herausbildende Konsens der internationalen Tauschbörsen-Forschung” bezüglich eines modernen Urheberrechts deckt sich in großen Teilen mit dem Vorschlag eines modernen Urheberrechts, den ich hier formuliert hatte. (Schutzfristen von maximal 15 Jahren, etc.)

Schmundt fasst in dem lesenswerten Artikel weitere unzählige Erkenntnisse aus der Forschung zusammen. Etwa den britischen Hargreaves-Report, welcher zu der Erkenntnis kommt, dass für wirtschaftlichen Erfolg in Kreativbranchen Urheberrecht und Patentrechte als Voraussetzung erst an fünfter Stelle kommen nach “Tempo, Marktzugang, einfache Regeln, niedrige Transaktionskosten wie Transport, Zölle, Vertrieb”. 

Oder Eckhard Öffners Studie, welche aufzeigte, dass das urheberrechtsfreie Deutschland auf das copyrightbeschenkte England aufholen konnte, obwohl das nach heutiger Sicht auf Kreativität und Urheberrecht eigentlich unmöglich sein sollte.

Der Urheberrechtsforscher Handke legt zum Abschluss die Hand in die Diskurswunde:

“Natürlich werden wir die Urheberrechtsproblematik nicht rein wissenschaftlich lösen können wie ein Sudoku”, sagt Christian Handke. “Aber es wäre gut, sich die wirtschaftlichen Fakten anzusehen, bevor man leidenschaftlich um eine Lösung streitet. Derzeit läuft es leider genau andersherum.”

Der Grund für den minderwertigen, von Nebelkerzen dominierten Diskurs liegt natürlich auch darin begründet, dass die klassischen Massenmedien selbst keine unbeteiligten Beobachter sein können und hier ganz konkrete Eigeninteressen haben.

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